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NRWM FanFest - STARKE FRAUEN

Die Reisende

Volleyballstar Angelina Grün wurde in Tadschikistan geboren, spielte in Deutschland, Italien und der Türkei - in Köln fühlt sie sich zu Hause

Von Silke Offergeld

Angelina Grün

Am besten schmeckt der Cappuccino. "Der ist wirklich gut", empfiehlt Angelina Grün und löffelt etwas Schaum aus der weißen Tasse mit dem kleinen roten Logo. "Heilandt Kaffeemanufaktur" steht darunter. Eine junge Kölner Rösterei. Geheimtipp. Grün sitzt im Biergarten der "Playa in Cologne". Die Anlage zwischen der Sporthochschule und dem Stadion des 1. FC Köln ist so etwas wie ihr zweites Wohnzimmer. Oder vielmehr: ihre Terrasse. Nicht, weil die Volleyballerin so häufig auf den Sandplätzen hier trainieren würde oder weil sie von den Holzbänken zwischen den Kübeln mit Palmen und Olivenbäumchen aus den Nachwuchs im Blick hat. Sondern weil ihre Kölner Wohnung um die Ecke liegt, weil sie hier fast immer Freunde und Bekannte trifft und inzwischen sogar den Kaffeeröster persönlich kennt. Angelina Grün ist hier zu Hause. Keine Selbstverständlichkeit. Nicht nur, weil die Profisportlerin acht Jahre im Ausland gelebt und gespielt hat. Sondern auch, weil das Gefühl der Heimatlosigkeit schon seit ein paar Generationen Begleiter der Familie Grün ist.

Angelina Grün ist eine der erfolgreichsten deutschen Volleyballerinnen. Jahrelang spielte sie in der Nationalmannschaft, zweimal bei den Olympischen Spielen, dreimal bei der Weltmeisterschaft, neunmal wählten die deutschen Fans sie zur "Volleyballerin des Jahres". Sie gewann mit Foppapedretti Bergamo zweimal die Champions League, zuletzt spielte sie bei Vakifbank Istanbul, einem der Topteams der finanzstarken türkischen Liga. Ihr Vertrag dort lief 2009 aus. Er wäre verlängert worden, wenn sie gewollt hätte. Aber Angelina Grün wollte nicht. "Ich hatte das Empfinden, dass da etwas fehlt, trotz aller Erfolge." Und sie wusste auch, was: "Ich habe nach einem Zuhause gesucht", sagt Grün.

Köln war ein guter Ort, um anzufangen. Viele ihrer Freunde wohnen in der Gegend, ihre Familie lebt in Velbert, wo Grün auch aufgewachsen ist. "Ich bin ein NRW-Kind", sagt sie. Geboren wurde sie allerdings gut 7600 Kilometer weiter östlich: im heutigen Tadschikistan. Ahnen ihres Vaters wanderten noch zu Zarenzeiten aus Deutschland nach Russland aus und landeten schließlich in der sowjetischen Provinz. Dort waren sie: die Deutschen. Auch wenn die Generation von Angelina Grüns Vater schon kein Deutsch mehr spricht. Während des Studiums in Moskau lernte er seine spätere Frau, eine Russin, kennen. 1979 kam Tochter Angelina zur Welt, in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe. Als sie zwei Jahre alt war, wanderte die Familie nach Deutschland ein. Hier sind sie nun: die Russen.

Dass beide Eltern sportlich aktiv sind, erleichtert das Ankommen. Die Mutter spielt Basketball, der Vater, ein ehemaliger russischer Jugendnationalspieler: Volleyball. Angelina Grün und ihr Bruder gehen mit in die Vereine, er zum Basketball, sie zum Volleyball. Die Kinder haben keine Erinnerungen an Duschanbe, sie gehören hierher, zwischen Ruhrgebiet und Bergischem Land. 1990 beginnt Angelina Grün beim VC Essen-Borbeck zu trainieren und zeigt sich bei "Jugend trainiert für Olympia", nur vier Jahre später gibt sie ihr Debüt in der Jugendnationalmannschaft. 2001 wechselt sie in die italienische Liga, zuerst nach Modena, später, bis 2008, nach Bergamo. Dann kommt Istanbul. Hier ist sie: die Deutsche. Auch wenn sie lieber im Appartement als im Hotel lebt, um zumindest etwas halbwegs Eigenes zu haben, fühlt sich Angelina Grün als Ausländerin. So wie ihre Eltern und Großeltern - nur in einem anderen Land. "Das", sagt Grün, "wollte ich unterbrechen."

Inzwischen ist sie wieder viel unterwegs: Mit Rieke Brink-Abeler hat sie sich im vergangenen Jahr zu einem Beachvolleyball-Duo zusammengeschlossen, das auch international an den Start geht. Und doch ist etwas anderes für Angelina Grün wichtig: Sie hat jetzt eine Basis, zu der sie zurückkehren kann.

In ihrer Wohnung im Kölner Westen liegen oft halb ausgepackte Reisetaschen im Abstellzimmer. Aber genauso oft stehen inzwischen frische Schnittblumen auf dem Küchentisch, ein sicheres Zeichen dafür, dass Grün zumindest ein paar Wochen da sein wird. In den Wintermonaten fährt sie morgens um acht von hier aus zum Training nach Mönchengladbach, dort trifft sie sich mit Trainer Gerald Maronde und Rieke Brink-Abeler, die aus Münster anreist. Abends um 18 Uhr kommt sie wieder in Köln an. Nicht ganz nine-to-five, aber sehr nah dran am deutschen Alltag, nach dem sich Angelina Grün irgendwann so gesehnt hat, dass sie ihr Sportlerleben beinahe komplett aufgegeben hätte. Ihre besten Freunde sind Lehrer und Anwälte, diese hatten Wochenenden, wenn Grün Turniere spielte. "Ich wollte ein normales Leben, eins, in dem ich nicht nur Sportlerin sein kann", sagt Grün. Sondern auch Freundin, Tochter, Schwester, Patentante für ihre kleine Nichte.

Aber nur noch Alltag, das war auch nichts. "Ich schätze am Sport diese unmittelbare Emotion - das findet man sonst nicht so leicht", sagt Grün. Als sie vor zwei Jahren auf einem Spaßturnier Rieke Brink-Abeler wiedertraf, die sie aus ihrer Zeit beim USC Münster kannte, beschlossen beide, sich zusammenzutun. Für Angelina Grün ein Weg, der funktioniert - denn nicht nur das Spiel auf Sand ist ganz anders. Das Miniunternehmen Brink-Abeler/Grün ist auch wesentlich selbstbestimmter, als es die Vereinssportlerin Angelina Grün zuvor sein konnte. Selbst Termine und Trainingslager planen, einen Trainer anstellen - das passte gut in ihr neues Leben.

"Ich habe die Reset-Taste gedrückt - und am Ende vieles so gemacht wie vorher", bilanziert Grün. Von April bis August touren sie und Rieke Brink-Abeler mit der Beachvolleyball World Tour um die Welt. Das Ziel des Duos ist klar umrissen: die Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele 2012 in London. Und zwischendurch kommt sie immer mal wieder nach Köln zurück. Sie weiß dann, wo sie ihre Freunde trifft. Und wo ihr der Cappuccino am besten schmeckt.

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