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NRWM FanFest - STARKE FRAUEN

Die Landwirtschafterin

Clara Woltering ist im besten Alter einer Handballtorhüterin und weiß genau, was sie will: erst Champions League, dann Bäuerin im Münsterland

Von Thomas van Zütphen

Clara Woltering

Ich krieg ganz gern was in die Fresse - wenn das Ergebnis dafür steht." Clara Woltering nennt "Dinge besser beim Namen, verbale Eiertänze sind nicht so meine Sache". Stattdessen tanzt die Handballtorhüterin der deutschen Nationalmannschaft lieber ihre Angreiferinnen aus. Auf der Linie, im Strafraum oder beim Herauslaufen aus ihrem Kasten - bei Tempogegenstößen der gegnerischen Mannschaft etwa. Angst vor Verletzungen oder vor dem Ball selbst hat sie jedenfalls nicht. "Der ist mal Freund, mal Feind - das ändert sich in Millisekunden."

"Die hält wie ein Mann, bietet ihren Gegnern den ganzen Körper als Trefferfläche an", bestätigt Andreas Thiel, als "Hexer" selbst langjähriger Nationalkeeper und Claras Torwarttrainer bei Bayer Leverkusen. So zählen zwischendurch ein Mittelhandbruch, ab und an ein Bandscheibenvorfall und immer mal wieder Bänderrisse für die 28-jährige Münsteranerin zum spielerischen Alltag. Ein Kreuzbandriss, der sie 2002 sechs Monate außer Gefecht setzte, "war die einzige schwere Verletzung, die ich bislang hatte - toi, toi, toi!"

Mit Glück und Glanzparaden schaffte es die Landwirtstochter 2003 erstmals in die Nationalauswahl, spielte vor drei Jahren das Olympische Turnier in Peking und stand beim WM-Qualifikationsspiel gegen Ungarn Mitte Juni zum 124. Mal zwischen den Pfosten. Dass sie - numerisch gesehen - nie zur Nummer eins im DHB-Tor aufsteigen wird, damit kann Clara Woltering prima leben. "Das will ich so. Mit 16 habe ich mich für Handball entschieden. Darum soll das immer meine Rückennummer auf dem Trikot bleiben, in all meinen Vereinen und auch im Nationalteam." Sehr hingegen wurmt die 1,78 Meter große Torfrau, dass sie mit Leverkusen noch nie Deutsche Meisterin wurde. Viermal Zweiter. "Vizekusen", kommt ein gequältes Grinsen, "das hängt uns nach, genau wie unseren Männern beim Fußball." Immerhin: 2005 gewann sie mit Bayer den Europapokal. Zweimal nacheinander wurde sie aktuell zur Handballerin des Jahres gewählt. Doch lieber wären ihr "mehr richtige Titel - darüber reden wir noch.

Bis zum Teeniealter spielte sie neben Handball auch noch passabel Tennis, aber vor allem herausragenden Angriffsfußball. Im Sturm der Mädelsmannschaften vom DJK Coesfeld. Sowohl mit dem großen wie auch mit dem kleinen Leder spielte sie in der Westfalen-Liga. "Aber beides parallel ging dann nicht mehr." Die Schule, der Sport, und dann der elterliche Betrieb. "Darüber reden wir noch."

Mit 16 in die Seniorenmannschaft, mit 17 - zwei Jahre vor dem Abitur - der Wechsel zu Bayer in die Bundesliga. Das war vor elf Jahren. Aber erst mit Ende 20 kommen Torhüter in ihre stärksten Jahre. "Also jetzt. Und da muss was kommen." Soll heißen? - "Ich hab meinen Vertrag noch mal um ein Jahr verlängert - das wird das Testjahr."

Wenn es 2012 nicht mit der Meisterschaft klappt, so ihre Pläne, wird sie Ja sagen - zu einem anderen Verein. "Ich weiß, was ich an Bayer habe und auch eben nicht." Spanien, Österreich, Ungarn, Norwegen - neben Offerten der üblichen Verdächtigen im internationalen Frauenhandball reizte Woltering Anfang des Jahres ein Angebot besonders: das von Viborg HK, dem dänischen Meister und Champions-League-Sieger. Schon grübelt sie, "ob die mich nächstes Jahr auch noch wollen". Aber warum hat sie dann das Angebot, in Europas Belle Etage spielen zu können, gerade erst abgelehnt? - "Weil ich zu Hause erst noch was regeln muss." Darüber reden wir jetzt.

Zu Hause, im Münsterland, warten 250 Bullen und 70 Hektar Weizen, Gras und Mais darauf, dass Clara Woltering ihr prächtiges Gedeihen vorantreibt. Der elterliche Hof kommt ohne ihre Hilfe nicht aus. An zwei Tagen die Woche ist sie hier komplett im Einsatz, von Mittwoch bis Sonntag pendelt die jüngste von drei Töchtern der Wolterings zwischen Münster und Leverkusen. 125 Kilometer hin, 125 zurück.

Neben dem Handball arbeitet sie im Marketing bei Bayer Cropscience, der Pflanzenschutzsparte des Weltkonzerns, engagiert sich in der "Fördergesellschaft Nachhaltige Landwirtschaft" (FNL) und kämpft, wann immer sich die Gelegenheit bietet, "gern gegen Klischees".

Dreckige Landwirtschaft, Umweltbelastung, Massentierhaltung sind Bedingungen, mit denen die Botschafterin für eine ressourcenschonende Agrarwirtschaft aufräumen will - in Vorträgen und PR-Konzepten genauso wie in der eigenen Praxis.

Auf 400-Euro-Basis ist sie im Konzern beschäftigt, eine Leistungsvergütung für den Sport bekommt sie vom Verein, und einen Firmenwagen hat sie. Nicht genug, um einen Ersatzmann einzustellen, der ihre Arbeit im elterlichen Betrieb übernehmen könnte. Und auch deshalb haben Lockrufe potenter europäischer Handball-Ligen für die junge Frau aus Westfalen ihren Reiz. "Mit dem, was ich als Vollprofi bei einem Champions-League-Club mehr verdienen würde als hier und heute, könnte ich eine Fachkraft bezahlen, die gemeinsam mit den Eltern zu Hause den Betrieb schmeißt." Nur so könnte "das mit einem Auslandsengagement klappen".

Verantwortung, Ehrgeiz und Disziplin sind ihr selbstverständlich. "Mach was Gescheites, werd bloß nicht Landwirtin", hatten die Eltern ihr gesagt, als sie mit vielen Plänen zu Hause auszog. Da hat sie wohl nicht richtig zugehört. Nach dem Abitur machte sie zunächst eine Lehre als Landwirtin. Studierte dann aber BWL in Köln. Betriebswirtschaftslehre, wie ihre zwei älteren Schwestern, das wäre doch was "Gescheites". Doch nach zwei Semestern war klar: "Das wurde mir alles zu theoretisch." Sie wechselte den Ausbildungsgang und ist heute Staatlich geprüfte Agrarbetriebswirtin. "Mit der Verbindung von 'Land' und 'Wirtschaft' hab ich genau mein Ding gefunden."

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