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NRWM FanFest - STARKE FRAUEN

Die Kümmerin

Claudia Bokel war erst Fechtweltmeisterin und kämpfte bei Olympia in Peking um die geringe Chance auf den Einzug ins IOC - geschafft

Von Claudia Jacobs

Claudia Bokel

Diese Frau ist nicht zu übersehen: Sie ist sehr groß, sehr schlank, ihr Gesicht braucht keine Schminke. Claudia Bokel kommt in Jeans, schwarzen, kniehohen Stiefeln und trägt einen Blazer über dem Pulli. Um den Hals hängt eine zarte Silberkette mit den fünf Olympia-Ringen.

Verabredet sind wir am Eingang eines Restaurants, das jetzt blöderweise geschlossen hat. Es folgt: eine knappe Problemanalyse mit den Eckpunkten "begrenztes Zeitbudget" und "mangelnde Alternativlokale" sowie die anschließende pragmatische Entscheidung, sich einfach in den angrenzenden Park zu hocken.

Als Mitarbeiterin in der internen Unternehmensberatung des Bayer-Konzerns erledigt die studierte Chemikerin montags bis freitags einen anspruchsvollen Job. Ihre Freizeit verbringt die 37-Jährige in diversen Ausschüssen und Gremien sowie mit Protokollen, Vorgaben und anderem Funktionärskram im Auftrag des Internationalen Olympischen Komitees. Katar, Togo, Montreal, Lausanne - an den Wochenenden düst Bokel im Dienst der Spiele um den Globus.

Warum sich unsere Schöne wohl so reinhängt?

Aufgewachsen ist sie in den Niederlanden, in Ter Apel, dem größten Dorf der Provinz Groningen. Als Kind turnt und tanzt sie, später geht sie zum Fechten. Sie genießt die Übungsstunden, das wöchentliche Fußballspielen zur Verbesserung der Kondition, das intensive Vereinsleben. Herrlich sind die Trainingslager und die Fahrten zu den Wettkämpfen. Freundschaften entstehen, die Gemeinschaft gibt Geborgenheit, zunehmende Erfolge schenken wachsendes Selbstvertrauen.

Mit 16 Jahren verlässt Bokel die Heimat der Kindheit und zieht nach Bonn. Dort wohnt sie im Internat des deutschen Fechterbundes, macht Abitur und studiert anschließend Chemie. Mit dem Degen wird sie viermal Deutsche Meisterin, einmal Europa- und einmal Weltmeisterin. Hinzu kommen zahlreiche Silbermedaillen mit der Mannschaft bei Weltmeisterschaften und den Olympischen Spielen 2004 in Athen.

Und ihre Karriere als Kümmerin? Die Funktionärin lacht: "Da bin ich so reingerutscht." Irgendjemand müsse es schließlich machen, denkt Bokel damals, als ihr Fechterkollege Alexander Koch den Posten als Sprecher der Aktiven niederlegt. Sie ahnt noch nicht, dass die spontane Entscheidung der Beginn eines furiosen Ämter-Aufstiegs ist.

Vor drei Jahren - Claudia Bokel ist neben anderem mittlerweile Vorsitzende der Athletenkommission des Europäischen Olympischen Komitees - hat sie die geringe Chance auf eine exklusive Mitgliedschaft im Internationalen Olympischen Komitee. Wie ein Politiker macht sie Wahlkampf. Jeder Sportler hat eine Stimme. Bokel stellt sich im olympischen Dorf in Peking vier Wochen lang täglich in die Nähe der Mensa, spricht die vorbeigehenden Athleten an und verteilt fast 10 000 Prospekte in den unterschiedlichsten Sprachen. Lohn der Strapaze: Bokel zieht als eine von vier Gewählten unter mehr als 30 Kandidaten in die IOC-Athletenkommission ein. Über Nacht ist sie eine mächtige Frau geworden. Als eines von weltweit insgesamt 115 IOC-Mitgliedern darf sie etwa mitentscheiden, wo die Sommer- und Winterspiele der Zukunft stattfinden.

Gab es schon Bestechungsversuche? "Nein", sagt Bokel, "ich denke auch nicht, dass sich das einer traut." Vor unmoralischen Angeboten schützt sie vermutlich ihr Ruf als Idealistin. Schnell hat es sich herumgesprochen, dass es Claudia Bokel ernsthaft um Inhalte geht.

"Mich reizt, etwas bewegen zu können", so erklärt sich Bokel selbst ihre Lust aufs Ehrenamt. "Außerdem", sagt sie zum Abschied, "ist der Sport ein so schöner Teil meines Lebens, jetzt kann ich endlich etwas zurückgeben."

21 von uns - Portraits

21 VON UNS

Broschüre (51 Seiten PDF, 5 MB)

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