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NRWM FanFest - STARKE FRAUEN

Die Königin

Heide Ecker-Rosendahl ist ihrem Verein TSV Bayer 04 Leverkusen treu geblieben - und fühlt sich im Münchner Olympiastadion zu Hause

Von Karl-Heinz Steinkühler

Heide Ecker-Rosendahl

Das Jahr 1972. Willy Brandt wird erneut Bundeskanzler. Und Heide Rosendahl Bundeslieblingssportlerin. Die Welt blickt nach Bonn, mehr noch nach München. Olympische Spiele. Sechs Tage dauern sie schon, als am 31. August unter dem futuristisch geschwungenen Glasdach des Stadions eine junge athletische Frau ihre Spikes in den roten Kunststoff der Weitsprunganlage bohrt und mit kräftigen, weit ausholenden Schritten gen Absprungbalken des Sandkastens vor der Haupttribüne stampft. Sie fliegt, der Sand spritzt auf, als sich der Körper - Beine voraus, der Kopf tief zwischen den Schultern - mit Wucht in das feine, feuchte, gelbe Gekörn bohrt. Das weiße Trikot mit dem roten Brustring verschwindet bei der Landung im aufspritzenden Sand. 6,78 Meter! Das Stadion bebt, wie ein einziger Schrei erlöst sich der Jubel aus 80 000 Kehlen in den sommerlich blau-weißen Münchner Himmel. Der erste Versuch hat die Konkurrenz geschockt. Stunden später ist es Gewissheit. Keine andere Athletin hat die 25-jährige Deutsche, Dozentin der Sporthochschule Köln, übertrumpfen können. Olympiasieg. Die erste Goldmedaille für Deutschland. Am ersten Tag der Leichtathletik, der Königsdisziplin. Unvergessen.

39 Jahre später. Leverkusen, ein schlichter dunkler Raum, ein runder Tisch mit leerer hellgrauer Kunststoffplatte, zwei Stühle. Da sitzt diese Frau nun und sagt: "Ich bin seit dem vergangenen Jahr Rentnerin." Kühl, ruhig, distanziert. Rentnerin hört sich an wie - "Ich mach nichts mehr". Aber das kann ja nicht stimmen, denn die große Dame des deutschen Sports hat in ihrem Terminkalender gerade einmal eine Stunde Zeit gefunden für ein Gespräch. "Ich bin in diesem Mai total ausgebucht."

Jetzt diese Begegnung, das erste Mal. Zwischenzeitlich Treffen mit vielen. Die Kanzler dieser Republik, Brandt, Kohl, Schmidt, Schröder, Merkel waren dabei, die Sportasse Becker, Baumann, Beckenbauer. Aber sie nicht. Und nun - nach vier Jahrzehnten - Heide Ecker-Rosendahl. In dieser abgetrennten Ecke eines Besprechungsraums der Leichtathletikhalle des TSV Bayer 04 Leverkusen. Es hätte auch schöner sein dürfen.

Was macht also eine Frau, die mit 25 Jahren zweimal Gold (außer im Weitsprung noch als Schlussläuferin der 4 x 100-Meter-Staffel) holte und eine Silberne (Fünfkampf)? Und damit im Olymp des deutschen Sports ihren Platz zementierte! Die denkt zunächst nach. Ob es "wirklich schon 39 Jahre" zurückliegt?

Bilder rasen durch den Kopf. Der grüne Trainingsanzug damals, die beiden Arme, die sie hochreckte, als sie auf das oberste Podest kletterte, wie sich ihre Hände über dem Kopf anfassten. Das Lachen, die Brille, groß und nickelgerahmt. So trug man das 1972. John Lennon und Fritz Teufel setzten den Modetrend.

Die Brille ist schmaler geworden, randlos, die Trainingsjacke kommt immer noch aus Herzogenaurach, die Farbe hat gewechselt, ist jetzt lila.  Die Haare sind kürzer geschnitten, betongrau. "Ich habe vier Enkelkinder." Schon wieder was Privates, das vielleicht bedeuten soll, ich bin nicht mehr wichtig. Also, noch ein Versuch: Die Medaillen, wo hängen die, haben die einen besonderen Platz? "Nein, die sind ordentlich aufbewahrt, aber die sind auch oft auf Ausstellungsreisen, zuletzt in der Sparkasse in Bielefeld."

Ökologisch und ökonomisch leben

Der 300 Quadratmeter große Winkelbungalow im Leverkusener Stadtteil Pattscheid ist offensichtlich kein Museum. Das passt nicht zur Lebenseinstellung der Pensionärin, die ein bewusstes Leben mit ihrer Umwelt in den Mittelpunkt ihres Schaffens stellt. Als Unternehmerin hat sie in den vergangenen Jahren Sportstudios betrieben - und eine Ernährungsberatung. 2008 legte sie sich ein Auto mit Hybridantrieb zu, ein Jahr später wechselte die Vorzeigedame des deutschen Sports daheim die Ölheizung aus. Wo früher 5000 Liter Heizöl im Tank auf Verbrennung warteten, lagern nun sieben Tonnen Holzpellets, die ökologisch und ökonomisch ihr Heim mit Wärme versorgen.

Bewusst leben, gehört dazu auch noch Sport, vielleicht Joggen? "Um Himmels willen, alles, was länger als eine 400-Meter-Runde ist, wird zu Qual." Damals wie heute. "Wir spielen mit Leidenschaft Golf und fahren Ski, dafür haben wir jetzt auch Zeit." Heide Rosendahl spricht von ihrem Mann, John Ecker, dem früheren amerikanischen Basketballstar bei den Leverkusenern, den sie nach ihrem Olympiasieg kennengelernt hatte und dessen Namen sie nach der Heirat ihrem eigenen voranstellte.

Zusammenhalt, Familienleben ist in diesem Sportlerhaus offenbar sehr wichtig. Zusammen gingen die beiden Topathleten damals für eineinhalb Jahre nach Los Angeles, "mein Mann wollte seine Ausbildung beenden". Das war wichtiger als die Karriere unter dem Basketballkorb oder auf der Laufbahn. Ein Jahr nach ihren Olympiasiegen beendete Heide Rosendahl mit 26 Jahren ihre Aktivenzeit. "Ich musste an meinen Beruf denken, wir haben mit dem Sport ja nichts verdient, das war anders als heute."

Trotz des Abstechers an die amerikanische Westküste blieb der Lebensmittelpunkt die rheinische Industriestadt unter dem Bayer-Kreuz. Sohn Danny wurde hier geboren. Auch ihn zog es - natürlich - in den Verein, in dem seine Eltern ihre Erfolge feierten. Danny Ecker wurde Stabhochspringer, brachte manchen Sieg und eine 6-Meter-Überquerung mit nach Hause, doch die Muskeln und Sehnen warfen ihn immer wieder zurück, beklagt die Mutter. Nun will er noch einmal angreifen, mit 33 Jahren. "Wenn er London im nächsten Jahr schaffen würde, das wäre schon toll2, sagt Heide Ecker-Rosendahl, "die Konkurrenz ist groß." Sie selbst hat nach ihren Münchner Spielen fast alle Olympischen Spiele in der Welt besucht, und begleitet ihren Sohn oft zu Wettkämpfen.

Olympia begleitet ihr Leben

Wo es am schönsten war? "München, diese Stimmung habe ich nie wieder erlebt. Vielleicht war Sydney so ähnlich, aber nie so beeindruckend und euphorisch wie bei uns." Wie sie das so sagt, hat man nicht den Eindruck, dass Heide Ecker-Rosendahl wegen des eigenen Ruhms diese Auswahl trifft. Es wirkt bei ihr - wie alles, was sie sagt - überlegt. 2Die Einmaligkeit eines zusammenhängenden Olympiaparks hat es nirgendwo mehr gegeben." Und wenn sie nach München kommt, in dieses Stadion, das nun verwaist am Olympiaberg liegt und statt Leichtathleten Bon Jovi oder Madonna die Bühne bietet, wie ist dann ihr Gefühl? "Ich fühle mich da unglaublich zu Hause. So wie Boris Becker in Wimbledon. Ich könnte Wohnzimmer dazu sagen, aber das hat er ja schon getan."

Also überzieht diese so kühl wirkende Frau doch Gänsehaut, wenn sie oben am Rand dieser einmaligen Betonschüssel steht. Auch nach 39 Jahren sind die Gefühle von 1972 nicht abgestreift. Wäre auch wenig glaubhaft.

Wie überhaupt Olympia ihr Leben begleitet. Nicht nur der Besuch der Spiele - auch für die leider nicht erfolgreiche Bewerbung Düsseldorfs für 2012 war sie einst als Botschafterin unterwegs. Im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) arbeitet sie in Gremien mit und hat als stellvertretende Vorsitzende der NRW-Sportstiftung auf die Beine geholfen. Heide Ecker-Rosendahl hat mitgeholfen, dass der Spitzensport an Rhein und Ruhr topausgebildete Trainer und Betreuer erhält. Nun nimmt sich die Stiftung die Individualförderung der Sportler vor. Auch wenn das Geld nicht mehr ganz so fließt wie zu Beginn - die Erfolge sind sichtbar.

Das Jahr 2011. Heide Ecker-Rosendahl baut ein Haus, eine Ferienanlage in Goch am Kesseler See. Das Alfred-J.-Kwack-Haus. Kwack, ja, die Ente aus Herman van Veens Balladen, ist Namensgeber dieser Erholungsanlage für Kinder und Jugendliche, die seelisch oder körperlich benachteiligt sind, durch schwerwiegende Krankheitsverläufe kein fröhliches, unbeschwertes Leben hatten. Diesen jungen Menschen, die bisher nicht, wie ihre Gleichaltrigen, mit ihren Familien unbeschwerte Erholung oder Ferien genießen durften, will sie helfen. Auch in den nächsten Jahren, als 2. Vorsitzende der Herman-van-Veen-Stiftung.

Die Königin der Laufbahn hat die Dynamik von vor fast 40 Jahren nicht verloren. Sie wirkt noch immer, nur stiller.  Auch dafür könnte es eigentlich Gold geben.

21 von uns - Portraits

21 VON UNS

Broschüre (51 Seiten PDF, 5 MB)

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