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NRWM FanFest - STARKE FRAUEN

Die Künstlerin

Isabell Werth ist die erfolgreichste Dressurreiterin der Welt - nach fünf Olympiasiegen ist freilich noch lange nicht Schluss

Von Thomas van Zütphen

Isabell Werth

Es gibt tatsächlich Kinder, die lernen eher Reiten als Laufen. Frederik Werth ist so einer. Kein Wunder. Lebten in der Landwirtschaft, am Niederrhein bei Issum, wo seine Mutter Isabell mit ihrer Schwester aufgewachsen ist, "noch Kühe, Schweine, Hund und Katz, die wir hüten, treiben oder an der Leine führen konnten", sind Pferde als Spielgefährten ihres 20 Monate alten Sohnes nahezu konkurrenzlos. "Es sei denn", lacht die junge Mutter, "Opa Heinrich kommt mit dem Quad auf den Hof geknattert." Dann müssen beide erst eine Runde drehen.

Frederik ist definitiv ein guter Grund dafür, dass die erfolgreichste Dressurreiterin, die der deutsche Pferdesport je hervorgebracht, sich eine gern kolportierte Anschauung der Reitergemeinde nie zu eigen machen würde: "Ein Leben ohne Pferde ist möglich - aber weitgehend sinnlos." Klingt gut, stimmt aber nur zum Teil, sagt Isabell Werth und ergänzt: "Das traf auf mich nicht mal zu, als ich mal in einem Interview geantwortet habe 'Meine Pferde sind wie meine Kinder'." Aber das zumindest stimmt auch heute noch.

Auf der Ponystute Illa hat sie - "da war ich aber schon fünf" - zum ersten Mal im Sattel gesessen. Mit Funny ging es nur wenige Jahre später auf die ersten Turniere. Springen und Vielseitigkeit wurden zur Leidenschaft des Teenagers. Doch dann fragte ein Nachbar der Werths, der Dressurexperte Uwe Schulten-Baumer, ob die damals 17-jährige Schülerin nicht Lust hätte, einige seiner Pferde zu reiten.

"Aber was daraus wurde, das soll ich jetzt nicht noch mal erzählen", erkundigt sich dessen Nachbarin - im Ledersessel ihres Besucherzimmers aufrecht wie im Sattel sitzend - jetzt und heute, 35 Jahre später. "Oder doch?" - Nein danke, ist wirklich nicht nötig. RTL ist ja gerade erst aus der Tür. Ein Interview für die Serie "Sportstars vom Rhein". Auf die Minute pünktlich geben sich die Kollegen die Klinke in die Hand. Pressedame Kerstin Bahlert sorgt dafür, dass der eng getaktete Terminkalender Isabell Werths nicht umgeworfen wird. Beim Überschreiten des Zeitlimits drohen Dressurreitern keine Strafpunkte, aber gut.

Kurzer Parforceritt: Luhmühlen - Aachen - Den Haag - Barcelona - Atlanta - Sydney: Mit Schulten-Baumers Spitzenpferd Gigolo gewann sie viermal Gold bei Olympia, davon drei Medaillen mit der Mannschaft und zwei weitere im Einzelwettbewerb in Silber. Mit dem Hannoveraner Fuchswallach wurde sie vierfache Weltmeisterin, gewann selbst vier Europameisterschaften und sieben weitere mit der deutschen Mannschaft. O.k., Fabienne war auch noch da. Mit ihr wurde sie 1992 Weltcupsiegerin. Aber Gigolo wurde unter Isabell Werth zum erfolgreichsten Dressurpferd aller Zeiten. Gigolo und Isabell Werth waren bis 2001 in der Welt des Dressursports "die Einheit, das Traum-Team, die Firma, die jeder kannte", wie der Landwirtssohn und pferdevernarrte Chefredakteur eines Hamburger Wochenmagazins damals schrieb.

Seither hat sich viel getan. Gigolo ging wenig später in Rente. Ihm folgten, mit Isabell Werths Wechsel des langjährigen Mentors und Mäzens zum neuen Stall Winter-Schulze, Pferde wie Antony, Apache, Richard Kimble und Satchmo. Alles Wallache. Warum das eigentlich?

Einen Hengst "zu legen" - wie die Reiter sagen - will wohl bedacht sein. Da gilt es zu taxieren: Wird er mit seinen Preisen auch wieder einspielen, was Reiter und Besitzer an Training, Zeit und Geld investiert haben, oder eher als Deckhengst? - Bei einem gekörten, also vom Verband für die Zucht zugelassenen Pferd wie etwa Gigolo, da ist der Name ja praktisch Programm. 1.500 Euro Decktaxe sind da nichts Ungewöhnliches. Auf bis zu 8.000 Euro kann das Deckgeld bei Spitzenvererbern ansteigen. Mal 300 bis 400 Stuten pro Jahr - da muss eine Menge Preisgeld verdient werden. Doch nicht viele "Jungs" unter den professionellen Renn-, Spring- oder Dressurpferden können sich auf Leistungssport konzentrieren und gleichzeitig jungen Damen ihrer Art Mutterfreuden bescheren. Außerdem muss das eine regelmäßig hoch dotiert sein, damit das andere dann auskömmlich bezahlt wird.

Totilas, der holländische Wunderhengst, ist einer, der beides kann. Ein elfjähriger Rappe, für den Paul Schockemöhle Anfang des Jahres zehn Millionen Euro bezahlt hat und den er gern unter Isabell Werth reiten lassen wollte. - Das hätte natürlich seinen Reiz gehabt. Totilas hat Satchmo und der Rheinländerin in seinem Sattel mal einen Weltrekord abgenommen. 79,958 % in einem Grand Prix. 2005 bei den Stuttgart German Masters. Vier Jahre später schaffte Totilas unter dem Niederländer Edward Gal mit 84,085 einen neuen Prozentrekord. Aber Werth lehnte das Angebot Schockemöhles ab: "Ich bin neugierig, junge Pferde auszubilden, zur Weltspitze zu führen und dort wenn möglich dann lange zu bleiben."

Wie mit Satchmo. Noch jung in ihre Hände gekommen, ritt Isabell Werth mit ihm beinah wieder, wie sie es mit Gigolo konnte. Traumhaft sicher, mit reiterlichen Hilfen aus Schenkel, Hand und Rücken, die kaum auszumachen waren. Piaffen, Passagen und Pirouetten. In der Dressurprüfung der Vielseitigkeitsreiter nicht gefordert, müssen diese "drei P" bei Championatsturnieren der Spezialisten die Juroren verzücken. "Das schafft man nur, wenn es eine tiefe innere Übereinstimmung gibt. So eine Beziehung zu einem Pferd aufzubauen, braucht Jahre. Das muss zusammenwachsen und setzt eine intime, beinah mystische Beziehung voraus." Ob mit Trense oder Kandare, in der Volte oder dem Rückwärtsschritt, ob im verkürzten, Mittel- oder verstärkten Trab: Im Ergebnis sei das, "was Ross und Reiter, wenn alles passt, zeigen, so etwas wie Kunst. Wir sind Sportler und irgendwie auch Künstler zugleich."

Mit Satchmo gewann sie in Peking olympisches Gold in der Mannschaft und Silber in der Einzelwertung, wurde einmal mehr Weltmeisterin und beim Weltcup 2009 Zweite. Aber - noch einmal retour - Millionensummen für ein Pferd? - "Das sind Liebhaberpreise", sagt Werth, "die mit Preisgeldern kaum jemals eingespielt werden können." Totilas etwa, kassierte 2010 "nur" gut 200.000 Euro. Allerdings - der ist ja auch erst elf.

Pokale, Trophäen, Medaillen. Mit der Aussicht auf Erfolge bekommt Isabell Werth Pferde gern früh unter den Sattel. Bildet sie aus "vom Vorschulalter bis zur Hochschulreife". Zugegeben: Siege danken ihr auch die Sponsoren. Ein Luxusuhrenfabrikant, ein Sattelschuster oder der Reithosenschneider. Aber das wichtigste Standbein des Werth’schen Pferdewirtschaftsbetriebs ist die Ausbildung. Neben den Tieren von Mäzenin und Trainerin Madeleine Winter-Schulze, die früher selbst erfolgreich Grand Prix geritten und Deutsche Meisterin geworden ist, stehen fast 80 Pferde in der Anlage in Rheinberg. 13 Mitarbeiter helfen Isabell Werth, vom Striegeln der Pferde und Fegen der Boxengassen bis zum Enterprise Ressource Planning (ERP) und dem Customer Relation Management (CRM) im IT-System auf der Büroetage des mittelständischen Unternehmens.

Und alle hoffen, dass es mit Olympia in London klappt. Der 15-jährige Hannoveraner "Warum nicht" ist einer, der dabei sein könnte. An ihm soll es nicht liegen. Und die eigentliche - oder war es neben der Babypause mit Frederic nur eine weitere - Ursache ihrer Zwangspause Ende 2009 ist auch überstanden. Nach einer positiven Dopingprobe bei ihrem Nachwuchspferd Whisper beim Wiesbadener Pfingstturnier desselben Jahres wurde Isabell Werth für sechs Monate gesperrt. Eine Sanktion, die Bundestrainer Holger Schmelzer und  DOSB-Präsident Thomas Bach "absolut angemessen" fanden und die von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung sofort akzeptiert wurde. "Mit blauem Auge davongekommen" bilanzierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), und die "gelernte" Juristin und langjährige Rechtsanwältin Isabell Werth selbst nahm sofort die Verantwortung auf ihre Kappe: "Was Recht ist, muss auch Recht bleiben."

Zwar hatte Whispers Tierarzt - aber eben auch Isabell Werths Tierarzt - dem Wallach ein Psychopharmakon zur Behandlung des sogenannten Shivering-Syndroms verabreicht. Bei der Berechnung der Abbauzeit der darin enthaltenen und vom Internationalen Reiterverband FEA verbotenen Substanz Fluphenazin hatte sich der Veterinär aber offenbar verschätzt.

Ein Gutes - für alle Reiter - hatte aber auch diese Erfahrung der Rheinländerin. Seither arbeitet die FEA daran, im Regelwerk die Verantwortung von Tierärzten für positive Dopingproben fester zu verankern und Reiter damit zu entlasten.

21 von uns - Portraits

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