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NRWM FanFest - STARKE FRAUEN

Die Gegensätzliche

Juliane Schenk tankt Gelassenheit in der Ruhe der Krefelder Pfarrkirche St. Cyriakus - und triumphiert dann auf den Badmintonplätzen der Welt

Von Silke Offergeld

Juliane Schenk

Wenn an Feiertagen Stille einkehrt unter den Gläubigen in der Pfarrkirche St. Cyriakus im Krefelder Stadtteil Hüls, das diffuse Licht der hohen Buntglasfenster und die Kerzen auf dem schweren Altartisch die weißen Gewölbe in feierliches Licht tauchen, dann kommt auch Juliane Schenk zur Ruhe. Das hier ist ihre Kraftquelle. Der Glaube, ihre Familie, ihre Freunde, die um sie auf der Holzbank sitzen. Im Alltag der deutschen Spitzenspielerin im Badminton zählen vor allem Tempo und Dynamik. Und doch liefert erst die stille Stärke die Grundlage für all das - findet Juliane Schenk. Sie hat in den Gegensätzen ihren Platz gefunden.

Wie weit die Pole von Juliane Schenks Welt auseinanderliegen, versteht, wer sie spielen sieht. Ihr Vorteil sind ihre Kraft und ihre Schnelligkeit - die 28-Jährige ist eine der wenigen europäischen Spielerinnen, die mit den temporeich aufspielenden Asiaten mithalten kann.

Ein Vormittag im Trainingsstützpunkt des Deutschen Badminton-Verbandes in Mülheim an der Ruhr. Auch in der Halle herrscht konzentrierte Ruhe. Zu hören sind nur das gedämpfte Ploppen und Zischen der Federbälle und Schläger, das quietschende Reiben der Schuhsohlen auf dem Hallenboden und gelegentlich der leise Aufschrei einer Spielerin, wenn ein Ball nicht so fliegt wie geplant.

Juliane Schenks Körper ist gespannt, ihre Mimik wirkt angespannt. Und doch ist sie es, die oft laut lacht und mit Trainingspartnerin Karin Schnaase scherzt. Blitzschnell ist sie nicht nur in den Ballwechseln, sondern auch im Umschalten zwischen höchster Konzentration und Entspannung. Im Gespräch ist sie konzentriert, sie spricht schnell und eindringlich, die hellblauen Augen fixieren das Gegenüber. Immer wieder aber blitzt ein Lächeln auf - dann dokumentiert ihr ganzes Gesicht diese pure Freundlichkeit. Voller Einsatz, auch in der Entspannung. Aber da kann die ehrgeizige Athletin noch zulegen.

Ihre Leidenschaft fürs Badminton entdeckte Juliane Schenk früh. "Ich hab den Schläger in die Wiege gelegt bekommen", sagt sie. Beide Eltern sind begeisterte Badmintonspieler, folglich verbringen Juliane Schenk und ihr Bruder viele Wochenenden in Sporthallen. Während sie auf ihre Eltern wartet, fordert sie die nächstbesten matchfreien Spieler heraus - genau wie ihren älteren Bruder. Später trainiert sie bei den Großen mit. Herausforderungen waren nie etwas, was Juliane Schenk abgeschreckt hätte. Im Gegenteil.

Als sie 16 ist, spielt Schenk ihre ersten China Open, eine Art Grand-Slam-Turnier des Badminton. Die Krefelderin trifft das erste Mal auf eine Spitzenspielerin der Badminton-Weltmacht China - und kommt gar nicht dazu, auch nur über die Möglichkeit eines Sieges nachzudenken. Das Tempo der Gegnerin ist für die Deutsche einfach nicht zu fassen. "Ich bin untergegangen", bilanziert Juliane Schenk trocken. Ihr Fazit, damals schon: "Da will ich auch mal hin." Ihr Vorbild: die Dänin Camilla Martin, damals einzige Europäerin, die mit den Asiatinnen mithalten und sie manchmal sogar schlagen kann.

Und Juliane Schenk trainiert und spielt. Sie wird Deutsche Meisterin und Europameisterin, spielt bei internationalen Turnieren und Weltmeisterschaften und reist 2004 zu ihren ersten Olympischen Spielen. Dort scheidet sie im Einzel zwar in der ersten Runde aus, kommt im Doppel aber bis ins Achtelfinale. "Ich wollte mit dem Kopf durch die Wand", sagt Juliane Schenk heute über diese Zeit. Immer mehr, immer weiter - das Motivationscredo von Oliver Kahn wurde ihres. Doch dann wurde alles anders.

Eine Schulterverletzung bremst sie 2006 aus. Nicht abrupt, sondern langsam und schmerzhaft. Die Sportlerin kämpft mit aller Kraft gegen ihren streikenden Körper, will ihn besiegen. Über Monate trainiert sie unter Schmerzen, spielt mit Tränen in den Augen. Bis sie einsehen muss: So geht es nicht weiter. "Es war ein Fingerzeig: Da läuft was nicht richtig. Änder was!", meint Schenk. Neun Monate sollte es dauern, bis sie ihre "Werferschulter", eine unangenehme Verletzung der Bizepssehne, schließlich auskuriert hat.

Neun Monate ohne Training, ohne Spiele - verlorene Zeit? Überhaupt nicht: "So habe ich erst die Reife bekommen, die mir gefehlt hat", sagt Juliane Schenk. Sie ist heute geradezu dankbar für die erzwungene Auszeit. "Man definiert sich ja zu schnell nur noch über die Erfolge." Schenk verbringt viel Zeit mit ihrer Familie, mit Freunden - und findet neues Vertrauen, auch in den großen Plan, der über allen Trainingsplänen steht. Dieses Vertrauen zu leben, dankbar zu sein, statt immer mehr zu wollen, hat ihr Ruhe gegeben.

Heute schaltet sie problemlos um zwischen Anspannung und Entspannung. Wenn sie in den Trainingspausen an der Ruhr spazieren geht oder den knappen Kilometer zu ihrer Wohnung am Rand der Mülheimer Innenstadt läuft, die orangefarbene Liege auf den Südbalkon stellt und sich ein Buch schnappt, gelingt es ihr, ihre Gedanken wegzulocken vom Training, von den anstehenden Spielen. Und wenn sie das Gefühl hat, dass sie mal eine Einheit aussetzen muss, dann macht sie das einfach. "Wenn Juliane sagt, ich hab den Kopf zu, ich will heute nur ein bisschen laufen, dann weiß man, dass das für sie richtig ist", sagt Stephan Kuhl, einer ihrer Trainer am Mülheimer Stützpunkt.

Ihre Leidenschaft für den Sport und ihr Ehrgeiz haben keineswegs nachgelassen durch die neue Gelassenheit. 2008 qualifizierte sie sich erneut für die Olympischen Spiele, schied allerdings in der 1. Runde aus. Dafür schaffte sie es 2009 bis ins Viertelfinale der Weltmeisterschaften, 2010 bis ins Achtelfinale. 2010 wurde sie Vizeeuropameisterin, gewann die Dutch Open, erreichte das Finale der German Open und der Canada Open, das Halbfinale der US Open und Hongkong Open. 2009, 2010 und 2011 wurde sie Deutsche Meisterin im Dameneinzel. Im Dezember 2010 firmierte sie auf der Weltrangliste des Badminton-Weltverbandes auf Platz 6.

"Sie ist Sportlerin durch und durch", sagt Kuhl, "sehr professionell und voll konzentriert auf das, was sie tut. Man kann sie eigentlich fast alleine trainieren lassen." Juliane Schenk sagt: "Ich muss nicht trainieren - ich darf. Ich sehe meinen Job als Berufung, ich bin dankbar, dass Gott mir dieses Potenzial gegeben hat."

Auf der orangefarbenen Liege schlägt sie derzeit vor allem Sportlerbiografien auf, zuletzt die von Oliver Kahn. Ein Großereignis wirft seinen Schatten auf den sonnigen Platz: die Olympischen Spiele 2012 in London. Juliane Schenk will wieder dabei sein - und mehr. Das beeinflusst ihre Liegen-Lektüre, gefährdet aber nicht ihre Ruhe. Schließlich hat sie im Fragebogen eines Badminton-Magazins als Schlagzeile, die sie einmal über sich lesen möchte, eingetragen: "Juliane Schenk - glücklichste Olympiasiegerin aller Zeiten". Und sie weiß: In der Ruhe liegt die Kraft. Und die Schnelligkeit. Vielleicht nicht in Ewigkeit, aber ganz sicher bis 2012.

21 von uns - Portraits

21 VON UNS

Broschüre (51 Seiten PDF, 5 MB)

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