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NRWM FanFest - STARKE FRAUEN

Die Botschafterin

Katja Seizinger wurde Deutschlands erfolgreichste Skirennläuferin - gelernt hat sie ihren Sport auf den sanften Hügeln des Wiehengebirges

Von Thomas van Zütphen

Katja Seizinger

Dort - wo die Ausläufer des Ruhrgebiets in das Grün des ländlichen Münsterlandes übergehen - so etwas wie einen Berg zu finden, ist eigentlich unmöglich. Aber wer in Datteln zum Beispiel die Recklinghauser Straße Richtung Westen hochwandert, schafft es am Stadtrand bis auf die Holtgarde. 109,5 Meter über Normalnull (NN) - immerhin. 90 Autominuten nordöstlich, in Lübbecke, ist der Heidbrink mit seinem herrlichen Blick höchste Herausforderung für Ausflügler und Spaziergänger. 319 Meter über der norddeutschen Tiefebene. So weit, was Webseiten und Fremdenverkehrsprospekte der Region versprechen.

Aber kann so ein Land mit - unter alpinen Maßstäben - kleinen Hügeln in der Topografie Deutschlands erfolgreichste Skirennläuferin hervorbringen? "NRW kann das", sagt Katja Seizinger. Wenngleich, das gibt die dreifache Olympiasiegerin und Doppelgewinnerin des Gesamtweltcups gern zu, "mit etwas externer Hilfe".

Im Alter von zwei Jahren zog sie mit den Eltern und Bruder Sven von Datteln nach Lübbecke. Am Stadtrand, "in Obermehnen auf der Kuhwiese, unternahmen wir Kinder die ersten Versuche auf den Brettern, umkurvten im Schneepflug hart gefrorene Maulwurfshügel, und dann das letzte Stück im Schuss den Hang hinunter". Unten am Weidezaun hieß es dann "umdrehen und wieder hochstapfen". Skischule am Nordhang des Wiehengebirges. "Hier", so Katja Seizinger, heute 39, "hat die Sache ihren Anfang genommen."

Mit Winterurlauben nach Val d’Isère und Zermatt beflügelten die Eltern schon früh die Lauflernschritte ihres Nachwuchses im Alpinsport. Eine Passion. Von Skirennfahrer-Genen keine Spur. Mutter Doris kommt ursprünglich aus Schlesien. Vater Hans aus Düsseldorf. Mit einem beruflichen Wechsel des Familienoberhauptes und Managers eines Lübbecker Baustahlproduzenten nach Baden-Württemberg kam dann doch "Schwung in die Sache", so Tochter Katja. Mit "Sache" umschreibt sie ihre skiläuferischen Ambitionen.

In Eberbach im Odenwald, wo der Vater schon bald die Badischen Stahlwerke vor der Insolvenz rettete - und gemeinsam mit einem Partner übernahm -, gab es Ende der 70er-Jahre noch drei kleine Skiliftanlagen. Am Katzenbuckel, im Verein Skizunft, ging es buchstäblich bergauf. "626 Meter", weiß Katja Seizinger heute noch.

Ob Bambinirennen im Schwarzwald oder Jugendwettbewerbe im Allgäu - wo immer die Seizinger-Kids am Wochenende hinkamen, hieß es: "Ihr fahrts iba der Woch koa Schi, aber räumts di Pokale ab!" Aufhorchen ließen die Erfolge besonders der kleinen Seizinger schon bald. Zunächst den badischen und wenig später auch den Deutschen Skiverband.

Mit 15 wechselte Katja die Schule und lebte fortan im Internat Hohenschwangau in Füssen, wo sie Jahre später im Abitur einen Notendurchschnitt von 1,6 erreichte. Dabei hatte sie - mit Erlaubnis des Schulministeriums in München - an zwei Dritteln des Unterrichts gar nicht teilgenommen. Mit Wedeln und Schussfahren statt Büffeln und Pauken war das allerdings nicht zu schaffen. In der Rückschau war die Doppelbelastung aus Schule und Spitzensport "aber ein gutes Training". Denn dass Skier für das westfälische Supertalent mal zu den "Brettern werden, die die Welt bedeuten", wollte zu dieser Zeit niemand mehr ausschließen. Auch nicht "das Maderl" selbst, wie dessen langjähriger Bundestrainer Wolfgang Maier sie nannte. "Aber doch immer nur befristet, auch wenn’s alles beisammen bleibt und heil. Ski fahren für immer? – Nö."

Natürlich sei ihr schon klar gewesen, erzählt sie in einer Mischung aus Badisch, Westfälisch und Bayerisch, "dass ich da auf eine tolle Zeit zusteuere, aber auch, dass es ein Leben nach dem Sport geben würde. Ich wollte auch was Vernünftiges lernen. Das muss man den jungen Sportlern immer wieder sagen." Das könnte ihre Botschaft sein.

Aber wie soll ein junger Sportler das anstellen? - Gerade hatte die junge Gymnasiastin die Deutsche Jugendmeisterschaft gewonnen. In allen drei Disziplinen - Abfahrt, Riesenslalom und Super-G. 1989 die Deutsche Meisterschaft bei den Frauen und zwei Medaillen bei der Junioren-WM in Anchorage, Alaska. Quasi zwischen letzten Klausuren und Abiturprüfungen wurde sie beim Super-G im französischen Méribel Zweite und gewann Gold plus dreimal Silber bei der Junioren-WM in der Schweiz. Im weltweiten Wanderzirkus der Ski-Weltspitze ist an Uni-Besuche nicht zu denken. Oder doch? - Vater Hans besann sich seiner nordrhein-westfälischen Heimat und hatte die Idee: "Wie wär’s mit der FernUniversität Hagen?" - Um es kurz zu machen: Die Doppelbelastung ging weiter, mit Ehrgeiz, Disziplin, Durchhaltevermögen und Biss. Von allem zeigte sie mehr als die meisten anderen.

Während ihre Kolleginnen und Konkurrenten beim Après-Ski "drunten im Tal" schon mal eine "Mordsgaudi" hatten, sauste sie durch die Duschen ihrer Hotelzimmer direkt in die Niederungen der Betriebswirtschaftslehre. "Vor allem Leidensgenossen, aber auch nette Kommilitonen" traf sie dort allenfalls im gerade aufkommenden Internet. An einen erinnert sie sich. Den damaligen Superstar im Italienischen Fußball, Oliver Bierhoff, Torschützenkönig und italienischer Meister, der wie sie in Hagen BWL studierte.

"Um das Kapitel Doppelbelastung abzuschließen: Ich hab neun Jahre gebraucht für mein BWL-Diplom." Die Arbeit über "Rechtsformwahl nach geplantem Recht - eine steuerliche Partialanalyse" wurde mit Eins bewertet. So etwas erzählt sie selbst allerdings nicht. Damit reüssiert die Fern-Uni selbst, deren Rektor Helmut Hoyer "die Katja Seizinger" ja bis heute in guter Erinnerung hat: "Die war eine hervorragende Botschafterin unserer Universität."

Neun Jahre. Die meisten davon, also die Zwischenzeit praktisch, jagte sie in Albertville, Lillehammer oder Nagano, in Crans Montana, der Sierra Nevada oder Cortina d’Ampezzo Medaillen hinterher. Stand bei Olympia fünfmal auf dem Treppchen, gewann 36 Weltcuprennen, wurde Weltmeisterin und holte zweimal den Gesamtweltcup. "Der ist mir sportlich gesehen schon wichtiger gewesen als Olympia. Nichtsdestotrotz: Olympiasieger ist und bleibt man, ein unvergessliches Erlebnis." Die Kristallkugel beim Weltcup hingegen würdigt die kontinuierliche Leistung über eine ganze Saison hinweg. 250 Tage Jahr für Jahr. In denen sie manchmal, wie Der Spiegel 1998 registrierte, "zwei Millionen Mark brutto an Prämien und von Sponsoren kassiert".

Nach einer schweren Verletzung mit Schienbeinfraktur, Kreuz- und Innenbandriss hätte sie 1999 noch einmal angreifen können. Die Gergs, Ertls und Häusles, aber sie wollte nicht mehr. Mitfiebern mit Maria Riesch tut sie heute noch. Und natürlich steht sie mit ihrem Namen für die Bewerbungskampagne "München 2018" zur Verfügung. Als Botschafterin. Wieder mal. Aber auch hinfahren nach Garmisch oder München zu Empfängen und Veranstaltungen - "das ist aus zeitlichen Gründen für mich nicht machbar".

Anstelle der Edelmetalle Gold, Silber, Bronze rückte bei Katja Seizinger eine Eisen-Kohlenstoff-Legierung immer mehr in den eigenen Fokus: Stahl.

Was man mit einem Fernstudium anfangen kann, testete sie zunächst drei Jahre bei einem Wirtschaftsprüfer. Dann ging’s zum Vater in die Firma. Der ist heute 72, lotste seine Tochter erst durch die Abteilungen der Badischen Stahlwerke, dann in die Dachgesellschaft Südweststahl. Dort macht die zweifache Mutter Katja Seizinger heute "alles, was kein Blech ist und im Beton verschwinden kann". Sie sitzt im Aufsichtsrat der Holding, verantwortet gemeinsam mit ihrem Bruder Jahresumsätze in Milliardenhöhe und eine Unternehmensgruppe mit 3000 Mitarbeitern.

Dazu zählt übrigens auch wieder die Besta, der Betrieb, für den die Seizingers 1974 nach Lübbecke kamen. "Jo, jo - die hamma auch wieder." Anknüpfungspunkte nach Nordrhein-Westfalen gibt es jede Menge, da ist noch ein kleiner Betrieb in Mülheim. "Und den Onkel in Olfen, das liegt bei Recklinghausen, den besuchen wir oft. Und von Obermehnen, da such ich gleich mal schnell ein paar Fotos raus  …"

21 von uns - Portraits

21 VON UNS

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