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NRWM FanFest - STARKE FRAUEN

Die Planerin

Linda Stahl gewann bei den Europameisterschaften Gold im Speerwerfen - nun geht sie neue Ziele an: Als Frau Doktor möchte sie 72 Meter weit werfen

Von Claudia Jacobs

Linda Stahl

Ahnt kaum jemand, ist aber wahr: Linda Stahl ist größenwahnsinnig. Am Beginn wichtiger Wettkämpfe lautet ihr Mantra: "Ich werde den Speer 72 Meter weit werfen." 72 Meter, bei allem Respekt, ist noch nicht ihre Klasse. Niemand weiß das besser als die Sportlerin selbst, aber sie findet: "Ziele sollte man nie zu niedrig stecken, sonst ist man zu schnell zufrieden."

Ihre Ambitionen behält die für Bayer Leverkusen startende Athletin übrigens schön für sich, andernfalls "baut man sich ja einen ungeheuren Druck auf". Aber folgt auf die Illusion "72 Meter" zu Beginn des Wettkampfs am Ende nicht unweigerlich die Enttäuschung? "Im Gegenteil", lautet die verblüffende Antwort. "Bei 64 Metern ist der Trainer zufrieden, und ich denke: nicht übel, 72 Meter waren sowieso völliger Quatsch."

Die amtierende Europameisterin plaudert, während sie entspannt auf der Liege ruht. Ein Physiotherapeut massiert ihr den rechten Arm. Wegen eines Faserrisses im Oberschenkel muss das Training ein paar Tage ausfallen. Bleibt also Zeit für eine Extraportion Körperpflege.

Ihre mentale 72-Meter-Wettkampf-Strategie nennt Linda Stahl übrigens das "unrealistische Geheimziel". Nur bedingt logisch, aber erfolgreich: Bei den Europameisterschaften im vergangenen Jahr in Barcelona warf sie den Speer knapp 67 Meter weit. Goldmedaille! Sportreporter sprachen von einem "Traum". Diesen Traum aber, sagt Linda, habe sie gar nicht geträumt. "Nicht mal im Geheimen." 

Linda Stahl ist 25 Jahre und im deutschen Speerwurf bereits eine der ganzen Großen. Aber damit nicht genug: Nach einem Medizinstudium in Regelzeit arbeitet sie im Moment am Biochemischen Institut der Sporthochschule Köln an ihrer Promotion. Wenn alles glattgeht, ist Linda Stahl schon nächstes Jahr eine Frau Doktor. Chapeau! Und: Wie schafft man das alles eigentlich?

"Och", sagt Linda, "eigentlich bin eher ein fauler Typ." Dann hat der Sport sie aber ganz schön in die Spur gebracht. Vielleicht ist es so: Wenn es nicht die Eltern sind, die ein Kind auf Erfolg trimmen, sondern die eigene Begeisterung an Höchstleistungen, dann riskiert man den Spaß nicht durch schlechte Noten. Linda lacht: "So ungefähr."

Sportwissenschaftler behaupten schon lange, dass Schüler, die intensiv Sport treiben, ihren Mitschülern in puncto Organisation und Disziplin weit überlegen seien. Sportbegeisterte Kinder können sich besser konzentrieren und erledigen ihre Hausaufgaben schnell und effizient. "Das stimmt schon", sagt Linda, "aber ich hatte auch Glück." Genauer: schnelle Auffassungsgabe und Eltern, die gut erklären können. Vater Stahl arbeitet als Lehrer für Mathematik, Physik und Chemie, die Mutter unterrichtet Englisch. Das Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,8 hat Linda nach eigenem Dafürhalten aber dann doch versemmelt. Ausgerechnet vor den zentralen Prüfungen sei ihr ein Trainingslager wichtiger gewesen als Büffeln.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, hat Linda jedoch die richtigen Prioritäten gesetzt: Schule bzw. Studium kamen an Nummer eins, danach erst der Sport. Vielleicht hat das ihrem Trainer Helge Zöllkau nicht immer gefallen, aber er zeigte Verständnis und ließ seinen Zögling gewähren.

Und sonst? Ist womöglich etwas anderes zu kurz gekommen bei all dem Lernen, dem ewigen Trainieren, den ständigen Wettkämpfen? "Ich habe einen Freund, alles ganz normal", grinst Linda. Gewiss, sie habe manchmal Phasen, da sei ihr Leben ganz schön anstrengend, aber sie könne auch mal eine Woche nur in der Sonne liegen.

Linda steht auf, bedankt sich artig beim Masseur und sagt noch, sie wolle ja nicht ewig so durchpowern. Ihr persönlicher "In-zehn-Jahren-Plan" steht fest: Schluss machen mit dem Sport und Familie gründen; außerdem: Anästhesistin mit Halbtagsstelle. Größenwahnsinnig klingt das nicht …

21 von uns - Portraits

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