Diese Seite verwendet Cookies, um für Sie die Benutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessern. Wie Sie die Verwendung von Cookies unterbinden können, erfahren Sie in den Datenschutzhinweisen.
Wenn Sie diese Webseite weiter nutzen, erklären Sie sich damit einverstanden.
NRWM FanFest - STARKE FRAUEN

Die Rastlose

Marion Rodewald war Kapitän der Hockeynationalmannschaft, holte 2004 in Athen Gold, entspannt bei der Gartenarbeit und schreibt gerade an ihrer Doktorarbeit

Von Silke Offergeld

Marion Rodewald

Der eigene Garten ist für viele Menschen eine Quelle der Entspannung. Pflänzchen zupfen, vielleicht den Rasen mähen - dann auf der Terrasse den Feierabend genießen. Deutsche Idylle. Auch Marion Rodewald gärtnert gern. Der Garten der Hockey-Olympiasiegerin in Frechen-Königsdorf bei Köln bietet allerdings mehr Herausforderungen als das durchschnittliche Reihenhaus-Grün:  Auf den gut dreihundert Quadratmetern rund um das Backsteinhaus müssen Gemüsebeete und Obstbäume gepflegt, Hühner und Enten versorgt werden, und dann ist da noch der eigene Bienenstock. Alles andere würde auch nicht zu der 34-jährigen Sportlerin passen. "Manche  würden das vielleicht als Stress empfinden - aber das ist meine Form der Entspannung", sagt Marion Rodewald fast entschuldigend. Wo andere langsam müde werden, blüht sie erst richtig auf.

Marion Rodewald wirkt zierlich, fast zart, so, wie sie jetzt im Trainingsdress auf der Terrasse des Kölner Tennis- und Hockeyclubs sitzt. Ihre Mutter ist Französin. Ob man sich Rodewald mit ihren feinen Gesichtszügen deshalb auch in einem Etuikleid auf einem Pariser Prachtboulevard vorstellen könnte? Nur der handtellergroße, zwischen dunklem Rot und Lila changierende Bluterguss an ihrem linken Knie passt nicht in diese Vorstellung. "Da habe ich letztes Wochenende einen abgekriegt."  Halb so schlimm. Und die Narben auf ihren Fingerknöcheln? Die größte Narbe, auf dem Handrücken, stammt von einem Sturz vom Rennrad. Marion Rodewald fährt gerne Rad. Und wenn sie etwas gern macht, macht sie es richtig: 2003 fuhr sie eine Jedermann-Etappe der Tour de France, 200 Kilometer durch die Pyrenäen. Außerdem mag sie Mountainbiking, Nordic Running und Inlineskating. "Das bringt Abwechslung ins Ausdauertraining", sagt sie. Wieder fast entschuldigend.

2004 wollte Marion Rodewald Freunde zum Start des Inlineskate-Feldes des Hamburg-Marathons begleiten und danach mit ihrer Mannschaft, dem KTHC Rot-Weiß Köln, das Bundesliga-Match gegen den "Club an der Alster" bestreiten. Dann fiel jemand aus der Gruppe aus, und Rodewald wurde gefragt, ob sie nicht mitfahren wolle. Sie überlegte kurz - und fuhr: erst 42 Kilometer auf der Marathonstrecke in gut anderthalb Stunden, danach zum Hockeyplatz, wo sie mit ihrer Mannschaft auflief. Eine Extremsportlerin.

Ganz normal? Marion Rodewald muss lachen, wenn sie auf die Anekdote angesprochen wird. Sie sei "vor allem hinsichtlich Kampfgeist und Ausdauer kaum zu übertreffen" und "bis in die letzte Körperfaser austrainiert", schrieb das Fachmagazin "Hockeyliga" über sie. Ihrem Trainer hat Rodewald ihren Marathon-Ausflug trotzdem lieber erst nach dem Spiel gebeichtet. "Dann habe ich es erzählt - und musste mir fortan vor jedem Spiel einen Spruch anhören." "Duracell" haben sie sie eine Zeitlang genannt.

Ist sie rastlos? "Joaah", macht Marion Rodewald und zerpflückt dabei eine Brezel aus der Cafeteria des Hockeyclubs. "Vielleicht kann man das schon so sagen." Jedenfalls kann sie schlecht einfach nur vor dem Fernseher sitzen. Wenn, dann muss sie sich beschäftigen. Gerade hat sie sich das Häkeln beigebracht, per Youtube. Mit dem Stricken hat es nicht geklappt, aber das kann ja noch kommen.

Die Linksverteidigerin war Spielführerin der Hockeynationalmannschaft, die bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen überraschend Gold holte. Bis heute sind die "Wundertüten" in Kontakt. "So etwas gemeinsam zu erleben, das schafft eine ganz starke Verbindung", sagt Rodewald. Sechs Jahre lang war sie Kapitän des Teams. Und weil sie eben noch Energie übrig hatte, kümmerte sie sich auch um andere Sportler. Seit 2005 ist sie Athletenvertreterin im Vorstand der Sportstiftung NRW, seit 2006 Athletensprecherin des Deutschen Hockey-Bundes und im Beirat der Aktiven des Deutschen Olympischen Sportbundes sowie Mitglied im Aufsichtsrat der Stiftung Deutsche Sporthilfe, seit 2009 sitzt sie in der Europäischen Athletenkommission. Eigentlich, betont Marion Rodewald, sei sie gar nicht so die typische Klassensprecherin: "Ich habe nie Hier geschrien. Aber ich bin ungern Marionette, und es wäre doch schlimm, wenn über die Köpfe der Athleten hinweg entschieden würde."

Tatsächlich sei Rodewald niemand, der sich etwas aus Ämtern mache, meint Badri Latif, die zehn Jahre mit ihr in der Nationalmannschaft gespielt hat. "Es ist überhaupt nicht ihre Art, sich in den Vordergrund zu drängen", sagt Latif und erinnert sich, wie Rodewald zum Kapitän des Teams wurde: "Sie hat mich gebeten, ihr sofort zu sagen, wenn sie irgendwie komisch werden sollte. Für sie war das Allerwichtigste, nicht die Bodenhaftung zu verlieren." Dass Rodewald sich in so vielen Gremien gleichzeitig engagiert, passe dennoch zu ihr, meint Badri Latif: „"hr wäre langweilig, wenn sie nur eine Sache machen würde."

Neben dem Hockey jongliert die Diplom-Sportwissenschaftlerin längst auch mit anderen Herausforderungen: Sie schreibt unter anderem für das Magazin "RADtouren" und macht die Pressearbeit für den Radclub Deutschland und die "Kölner Liste", einem Aufklärungsprojekt zu Nahrungsergänzungsmitteln des Olympiastützpunktes Rheinland. Außerdem bietet sie Radcamps für Kinder und Frauen sowie Motivationstraining für Unternehmen an. Und vergleicht in ihrer Doktorarbeit die dualen Karrieren von Sportlern in mehreren europäischen Ländern. Nachwuchsathleten fit zu machen für das Berufsleben nach - beziehungsweise neben - dem Sport, ist ihr wichtig. Nordrhein-Westfalen sieht sie auf einem guten Weg: "Hier wurde schon viel auf den Weg gebracht, gerade auch durch die Sportstiftung NRW. Das wird jetzt nach und nach Früchte tragen."

2009 hat sie sich aus der Nationalmannschaft zurückgezogen. "Der Schwerpunkt meines Lebens liegt nicht mehr auf dem Hockey, da verändert sich gerade etwas", sagt sie. Völlig hinter sich lassen will sie den Sport aber nicht. Auch wenn das paradoxerweise manchmal bedeutet, dass sie einen Trainingstermin in Köln verpasst, weil zeitgleich in Rom die Europäische Athletenkommission tagt. Deswegen muss sie jetzt, da sie ihr Spezi ausgetrunken und die Breze gegessen hat, auch rüber zum Trainingsplatz. Übermorgen geht der Flug nach Italien, heute will sie noch mal mit der Mannschaft aufs Feld.

21 von uns - Portraits

21 VON UNS

Broschüre (51 Seiten PDF, 5 MB)

Download