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NRWM FanFest - STARKE FRAUEN

Die Zufriedene

Petra Quade holte sechsmal Gold bei den Paralympics - ihre Laufschuhe liegen jetzt im Hafenbecken von Sydney

Von Claudia Jacobs

Petra Quade

Frische Luft, wenig Verkehr, viel Ruhe und Natur. Das ist Pulheim. Hier lebt die sechsfache Goldmedaillengewinnerin Petra Quade. Die Besucher haben noch den Finger auf der Klingel, als die 48-Jährige bereits die Tür öffnet und zur Begrüßung die linke Hand reicht. Die Dame des Hauses trägt Jeans zur Bluse, die Füße stecken in gemütlichen roten Kunststofftretern. Ob sie sich vielleicht umziehen möchte für das Foto? Womöglich gar richtig aufhübschen, mit einem langen Abendkleid zum Beispiel? "Nö, so elegant - das bin ich einfach nicht", sagt Petra Quade und lacht ihr mädchenhaftes Lachen. "Aber ich werde für Sie meine höchsten Schuhe suchen."

Minuten später beim Fotoshooting ist der Mann hinter der Kamera nur noch froh und dankbar. Es regnet, es ist kalt. Petra Quade setzt freundlich und konzentriert jede Anweisung um. Schade, dass die Beautys von Heidi Klum das nicht sehen: Hier könnten sie noch was lernen. Die Frau, die von sich behauptet, es gebe kein einziges schönes Foto von ihr, meistert die Aufnahmen souverän, geduldig und mit Talent.

Talent? Wissenschaftler versuchen seit Jahren das Geheimnis der Begabung zu ergründen. Sie haben Gehirne zerlegt, Nervennetze und Blutbilder analysiert, Gene studiert - und nichts gefunden, was beweisen würde, dass besondere Fähigkeiten angeboren sind. Das, was wir gemeinhin Talent nennen, ist nichts anderes als der Lohn härtester Arbeit, sagen die Forscher. Vielleicht kennen sie Petra Quade nicht.

Sie ist sieben Jahre alt, als eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse ein wochenlanges Krankenlager erzwingt. Den Eltern der sich nur langsam Erholenden raten die Ärzte: "Wenn ihre Tochter wieder gesund ist, sollte sie zum Sport gehen." Fußball, Tischtennis, Leichtathletik. Das Angebot des örtlichen Turnvereins ist übersichtlich. Die kleine Petra entscheidet sich fürs Laufen, Springen und Werfen. In der letzten Disziplin ist das Mädchen nicht besonders gut, es muss mit links werfen, da ihm seit der Geburt die rechte Hand fehlt. Von Anfang an aber läuft kein Kind schneller, springt keines höher, keines weiter. An ihre ersten Wettkämpfe erinnert sich Petra Quade gut: "Ich habe eigentlich immer gewonnen."

Ob Talent oder nicht - Ergebnis von harter Arbeit, gar Schinderei, waren die frühen Erfolge jedenfalls nicht. Als Schülerin zweimal die Woche 90 Minuten Training - das klingt nicht nach außergewöhnlicher Anstrengung. Haben Menschen mit einem körperlichen Makel vielleicht die größere mentale Kraft, den stärkeren Willen zum Sieg? "Weiß nicht. Ich habe mich nie behindert gefühlt", sagt Quade.

Jahrelang übt die junge Athletin mit Nichtbehinderten und verweist diese im Wettkampf oft genug auf die Plätze. Mit 15 Jahren, Quade ist gerade niedersächsische Vizemeisterin im 100-Meter-Lauf geworden, kommt ein netter Anruf aus der Nachbargemeinde. Ob sie Interesse habe, zusätzlich auch für einen Versehrtensportverein zu starten?

Sechs Jahre später - inzwischen hat sich der Trainingsaufwand längst mehr als verdoppelt - holt Petra Quade bei den Paralympics in New York drei Goldmedaillen in Sprint und Sprung und lernt ihren zukünftigen Mann, den Beachvolleyballer Karl Quade kennen. Um ihm nahe zu sein, zieht sie aus dem niedersächsischen Dinklage nach Köln.

In Seoul (1988) gewinnt das Paar insgesamt vier Goldmedaillen. Sie ist Beste im Laufen über 100 Meter, 200 Meter und 400 Meter. Zu den Spielen nach Barcelona (1992) reist Baby Ann-Christin mit. Das Töchterchen ist acht Monate, und seine Eltern wechseln zwischen den Wettkämpfen Windeln im paralympischen Dorf. Acht Jahre später, Petra Quade ist jetzt 37 Jahre alt und zwischenzeitlich auch Mutter von Sohn Christian, schafft sie in Sydney sowohl im Weitsprung als auch im 100-Meter-Lauf den erhofften Einzug ins Finale. Am Ende belegt sie jeweils den fünften Platz. Nach dem letzten Wettkampf sitzt die Sportlerin abends am Hafenbecken und schleudert ihre Laufschuhe ins Wasser. Was das wohl für ein Gefühl war? "Ein absolut gutes", sagt Petra Quade.  

Die einstige Koryphäe des nationalen Behindertensports walkt heute zwei- bis dreimal die Woche mit einer Freundin, liest Krimis, werkelt im Garten und ist so zufrieden, wie man es nur sein kann. Vermisst sie nichts? "Ich genieße es, nicht mehr trainieren zu müssen." Ein ganz normales Leben zu führen, sei für sie überdies nichts Ungewohntes, erklärt Quade. Früher hätten bei Paralympics siegreiche Sportler nur wenige Menschen interessiert. "Man bekam die Anerkennung von Leuten, die was von der Sache verstehen und stand nicht so in der Öffentlichkeit, wie dies heute zum Teil geschieht."

Ist ein Glas halb leer oder ist es halb voll? Für Petra Quade ist es halb voll. Sie sieht das Positive und zeigt damit noch ein Talent - die Fähigkeit zum Glücklichsein ist vermutlich ihr größtes.

21 von uns - Portraits

21 VON UNS

Broschüre (51 Seiten PDF, 5 MB)

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