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NRWM FanFest - STARKE FRAUEN

Die Welttrainerin

Silvia Neid wirkt ziemlich gelassen und entspannt vor der Operation Titelverteidigung der Frauenfußball-Weltmeistermannschaft

Von Silke Offergeld

Silvia Neid

Das ist sie also. Auf dem Platz war sie eine der erfolgreichsten deutschen Fußballerinnen, am Rand des Spielfelds brachte sie es zur Rekordbundestrainerin. Zur Weltmeisterin. Silvia Neid wirkt erstaunlich gelassen. Vielleicht, weil sie so viele Titel einsammelte, die ihr keiner mehr nehmen kann: Die Fifa kürte sie zur ersten "Welttrainerin des Jahres", Kanzlerin Angela Merkel erkor sie zum "Glücksfall" für ihre Sportart, und DFB-Chef Theo Zwanziger adelte sie beim Empfang der deutschen Mannschaft nach dem Europameistertitel 2009 in Frankfurt laut Bild-Zeitung gar zur "Lichtgestalt".

Mit Fototerminen geht die 47-Jährige in diesen Tagen freundlich, professionell um. Man könnte meinen, dass Silvia Neid die Erwartungen kurz vor Beginn der Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Deutschland langsam nervös machten: den Titel im eigenen Land ein drittes Mal zu verteidigen und am Rande - bitteschön - noch für eine Wiederholung des Sommermärchens von 2006 zu sorgen.

Aber Neid lässt sich nicht beirren. Das hat sie noch nie getan. Nicht, als sie als Kind anfing, Fußball zu spielen, Anfang der 70er-Jahre noch ziemlich exotisch für ein Mädchen. Und auch nicht, als sie, blond und zierlich, später dazu herangezogen wurde, das Image ihrer Sportart im wahrsten Sinne des Wortes aufzuhübschen. Fest steht: Ohne Silvia Neid wäre der Frauenfußball in Deutschland heute nicht das, was er ist - ein professioneller Leistungssport, der immer mehr Zuschauer in die Stadien und Mädchen in die Vereine zieht. Neid hat diese Entwicklung nicht nur miterlebt - sie hat sie mitgestaltet.

Wenn sie als Trainerin auf dem Platz steht und mit verschränkten Armen die Spielerinnen beim Aufwärmen beobachtet, ist klar: Sie ist hier die Chefin. "Die Ansprüche, die sie an sich hatte, hat sie heute an die Spielerinnen. Das fängt schon beim Aufwärmen an - wenn da ein Pass nicht sitzt, ist sie sofort da, und dann wird sie auch laut", sagt Tina Theune-Meyer, deren Assistentin Neid neun Jahre war. Und findet: "Das ist super, anders kann man sich nämlich nicht an der Spitze behaupten." Sportjournalisten loben Neids immenses Fachwissen - und vergleichen sie schon mal mit Felix Magath. Sie selbst gibt zu, dass auch bei ihr die Disziplin im Vordergrund steht. Spielerinnen, die vor 1985 geboren wurden, dürfen sie duzen. Alle anderen nicht.

Neid sieht sich nicht als strenge Trainerin: "Das möchte ich zumindest nicht sein." Sie spreche Fehler eben "sehr direkt" an. Aber immer konstruktiv. "Das ist das, was eine Spielerin von einer Trainerin erwarten darf und muss. So ging es mir auch als Spielerin, ich habe das Feedback von meinem Trainer gebraucht, gar eingefordert, er solle mir sagen, was ich wie besser machen kann. Das ist gerade vor dem Hintergrund, dass sich der Frauenfußball sehr schnell entwickelt, ein ziemlich wichtiger Aspekt."

Sie weiß, wovon sie spricht. 1964, als Silvia Neid in Walldürn im Odenwald zur Welt kam, war Fußball für Frauen verboten. Neid kickte dennoch, seit sie laufen konnte. 25 Jahre später erlebten 23 000 Zuschauer im Stadion Bremer Brücke in Osnabrück die erste Europameisterschaft deutscher Fußballerinnen. Neid half mit, die Norwegerinnen im Finale zu besiegen. Und sie kann sich heute noch an die Prämie erinnern: ein Kaffeeservice für jede Nationalspielerin.

Wenn die Frauennationalmannschaft die WM 2011 gewinnen sollte, bekämen die Spielerinnen 60.000 Euro. Eröffnet wird das Turnier im Berliner Olympiastadion, das mit über 70 000 Tickets längst ausverkauft ist.

Der Frauenfußball-Boom soll mit der WM noch verstärkt werden. Silvia Neid sagt: "Wir wollen mit diesem Turnier auch einen Eindruck hinterlassen, der den Entscheidern in der Wirtschaft signalisiert, dass ihr Geld gut in den Frauenfußball investiert ist." Das Ziel: mehr Geld in den Vereinskassen, bessere Verdienstmöglichkeiten für die Spielerinnen, mehr Profis im Frauenfußball. Die Trainerin weiß: Bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Sie meistert deshalb selbst merkwürdige Marketingtermine im Vorfeld der WM mit souveräner Freundlichkeit. Die Präsentation der Silvia-Neid-Barbie etwa. "Die Ähnlichkeit ist deutlich erkennbar2, scherzte sie da, "nur befürchte ich, dass meine Doppelgängerin etwas beweglicher ist als ich." Bei aller Koketterie: Silvia Neid als Barbie - absurd. Sie lässt sich nicht verbiegen.

Wenn jemand ihren Sport nicht ernst nimmt oder plumpe Vergleiche mit dem Männerfußball zieht, wird sie eisig. Weich ist dann nur noch der ganz leicht odenwäldische Klang ihrer Stimme. Legendär ist ihre Antwort auf die Reporterfrage, ob sie der weibliche Lothar Matthäus sei: Dazu, so Neid trocken, fehlten ihr "die entscheidenden fünf Gramm".

Ihr gelingt es, den Boulevard zu bedienen, aber ihr Privatleben auch privat zu halten. Sie lebt in Siegen, fühlt sich dort zu Hause. Samstags - wenn die Männer in der Bundesliga kicken - ist ihr fußballfreier Tag. Sie spielt leidenschaftlich gern Golf. Alles andere geht keinen etwas an.

Wenn ihre Spielerinnen den Umgang mit Privatem lockerer sehen, hat sie nichts dagegen. Allüren duldet sie nicht. Fußball ist schließlich Mannschaftssport. "Die besten Individualisten", sagt Neid, "sind für mich die Typen, die wissen, wie sie sich mit ihrer persönlichen Klasse am wirkungsvollsten in die Mannschaft einbringen können und sich dabei nicht selbst zwingend in den Vordergrund drängen wollen."

Sie verlangt absoluten Teamgeist. Aber sie ist auch Teil des Teams. Andere Trainer ziehen sich auf den Posten des stillen Beobachters zurück, sie ist mittendrin. "Soll ich euch schon mal sagen, was wir heute machen?", fragt sie in die Runde, während sich die Spielerinnen stretchen. Sie will nicht befehlen, sie will überzeugen. "Sie legt strenge Maßstäbe an, die muss man aber auch haben innerhalb eines Teams. Aber gleichzeitig ist sie herzlich, humorvoll, offen, mutig und spontan", sagt Tina Theune-Meyer. Nach jedem Titelgewinn müsse Neid zum Beispiel für die Mannschaft singen - womit sie keinerlei Probleme habe. Im Gegenteil: "Sie hat durchaus Talent als Entertainer." Ihre Vorgängerin hofft, dass es am 17. Juli nach dem Finale in Frankfurt wieder so sein wird.

21 von uns - Portraits

21 VON UNS

Broschüre (51 Seiten PDF, 5 MB)

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