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NRWM FanFest - STARKE FRAUEN

Die Schauspielerin

Tanja Szewczenko stürzte als 16-Jährige die Eislauf-Legende Kati Witt vom Thron und macht sich Sorgen um die Zukunft ihres Sports

Von Ottmar Berbalk

Tanja Szewczenko

Mit zwei Jahren setzte sie das erste Mal ihre Kufen auf das Eis an der legendären Düsseldorfer Brehmstraße. Als bezaubernder Teenager wurde sie, 16-jährig, Deutsche Meisterin und schaffte den Sprung in die Weltspitze, der 1994 mit Bronze bei den Weltmeisterschaften im japanischen Chibu gekrönt wurde. Tanja Szewczenko blickt auf eine Eiskunstlaufkarriere mit märchenhaften Augenblicken zurück. Trotzdem beantwortet die 33-Jährige die Frage nach ihren schönsten Momenten im Sport überraschend anders als erwartet: "Die gibt es  nicht auf der großen Bühne, sondern alleine in der Trainingshalle. Zum Beispiel, wenn man einen Sprung zum ersten Mal gut hinbekommt."

In den neunziger Jahren des zurückliegenden Jahrhunderts verleiht die Rheinländerin dem deutschen Eiskunstlauf das schönste und erfolgreichste Gesicht. Die Geschichte zur Optik stimmt. Das junge Küken, das mit sechs Jahren seinen ersten großen Pokal gewinnt, kämpft sich mit viel Disziplin und familiärer Förderung durch Eislauf- und Ballettunterricht an die Spitze; 1994 stürzt sie bei den Deutschen Meisterschaften die große Katarina Witt vom Thron. Prächtige Erfolge wie die Bronzemedaille bei den Europameisterschaften in Mailand 1998 folgen. Tanja Szewczenko wurde von vielen Beobachtern in jener Zeit als Fortführung des deutschen Fräuleinwunders aus den frühen Sechzigern beschrieben. Sie selbst genoss die Zeit und blickt begeistert auf ihre Aktivenzeit zurück: "Die Erfolge waren wunderschön."

Dabei verlief die Karriere alles andere als sorgenfrei, weil immer wieder Krankheiten und Verletzungen die fleißige Sportlerin hinderten. 1996 zwang das Pfeiffersche Drüsenfieber zu einer zweijährigen Pause, im Januar 2001 blieb dann nur noch der Rücktritt vom Leistungssport. Doch die Eisprinzessin lässt sich durch die gesundheitlichen Rückschläge nicht entmutigen. Sie probiert viele neue Dinge aus, ihr prominenter Name öffnet dabei auch Türen. Sie modelt oder betritt als Schauspielerin, Fernsehmoderatorin und Kinderbuchautorin die Bühne. Kreativ muss es schon sein.

Eine Rolle wie die der Polizeioberkommissarin Elly Wagner macht sie einem anderen Publikum als ihre Eislauf-Fangemeinde bekannt. Die Blondine mit Pferdeschwanz in der rustikalen Lederjacke ist vor Kurzem als Filmfigur in die WDR-Kultserie "Ein Fall für die Anrheiner" eingezogen. Da spielt Tanja eine kesse Polizistin, die nach der Geburt ihres Kindes wieder in den Beruf zurückgekehrt. Die Schauspielerei ist ein bedeutender Teil ihres Lebens geworden.

"Die Filmfigur bildet praktisch mein reales Leben wider", schmunzelt sie. Denn privat hat Tanja Szewczenko ein neues Kapitel aufgeschlagen. Im Februar 2011 ist Tochter Jona Valentina auf die Welt gekommen. "Einiges hat sich jetzt ganz schön geändert", bemerkt Lebenspartner Norman Jeschke, der einst selbst gefeierter Eislaufstar war und als Partner von Tanja in verschiedenen professionellen Engagements auftrat, die sie rund um den Globus führten.

Die Düsseldorferin und der fröhliche Ostberliner, der seine Sportlerkarriere noch in der DDR begann und eine klassische Kinder- und Jugendausbildung durchlief, leben ohne Trauschein in der Nähe von Köln. "Hier am Rhein ist es einfach besonders schön", sagt die junge Mutter. Mit dem Rheinland kann sich auch die Berliner Pflanze Norman arrangieren. Doppelhaus und Hund runden das Familienglück ab. Vor allem, da es nicht weit zum Filmset ist. Dorthin dürfen Töchterchen und Lebensgefährte die schauspielernde Mutter regelmäßig begleiten. Denn gedreht wird meistens in der Domstadt, manchmal in der Kulissenstadt, aber auch an Plätzen in der Stadt, getreu dem aktuellen Motto: "Die neuen Gesichter im Veedel".

Es ist immer was los im Hause der jungen Familie. Kinderarztbesuch, Anfragen zu Interviews und Fotoshootings sowie Vorbereitung auf die Eiskunstlauf-Weltmeisterschaften füllen in den späten Apriltagen ihren Terminkalender. Tanja mag vom Eiskunstlauf nicht lassen und ist glücklich, dass sie dabeibleiben durfte - jetzt mit einem Stammplatz auf der Kommentatorentribüne, wo sie als TV-Expertin Dreifach- und Vierfachsprünge bewertet und erklärt.

Sorgen bereitet ihr freilich der Eislauf-Nachwuchs: "Es kommen zu wenig Kinder und Jugendliche zu unserem Sport. Es fehlen die Vorbilder, aber es fehlt auch an finanzieller Unterstützung." Die ehemalige Eisprinzessin würde in Deutschland wieder gerne viele mehr Jungen und Mädchen übers Eis gleiten sehen, doch "es fehlt an so vielem", stellt sie resigniert fest. Selbst in der Spitze herrsche Tristesse. "Da gewinnen Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy in Moskau zum dritten Mal WM-Gold im Paarlauf, doch gerade mal 1,15 Millionen Deutsche sehen im Fernsehen zu", beklagt die früher Umschwärmte.

Will sie nicht selber helfen, mit ihrer professionellen Sicht? "Ach, Mutter Theresa bin ich auch nicht", fällt ihr da ein ziemlich drastischer Vergleich ein. Noch ein Wunsch, Tanja? "Norman und ich träumen von einer eigenen Show."

Und der Fußball? Etwas neidisch blickt die Eiskunstläuferin auf das große Kino mit dem runden Leder. "Andere Sportler und Sportlerinnen müssen so hart arbeiten, bekommen aber nie die Anerkennung." Das sei aber nur ein kleiner kritischer Blick auf die Ballkünstler. Natürlich freut sich die Vielfachkönnerin auf die Spiele in Deutschland, ganz besonders in Nordrhein-Westfalen. "Auch wenn ich selber nicht unbedingt der größte Fan bin." Freund Norman Jeschke begeistert sich da schon eher: "Ich bin doch Allroundsportler mit Leib und Seele."

21 von uns - Portraits

21 VON UNS

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