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NRWM FanFest - STARKE FRAUEN

Die Unterschätzte

Ulrike Nasse-Meyfarth startet ihre Karriere mit Olympia-Gold und beendet sie zwölf Jahre später mit Gold - zwischendurch lag sie richtig am Boden

Von Claudia Jacobs

Ulrike Nasse-Meyfahrt

Diese Frau besteht nur aus Beinen. Im Moment stecken sie in Jeans und gehen ihr bis zu den Achseln. Und wie sie geht. Ehrlich, so geht sonst kein Mensch. Ein bisschen wie ein Westernheld, extrem lässig. Außerdem sieht sie großartig aus. Kinder, vergesst Lady Gaga: Auf diesem Planeten ist Ulrike Nasse-Meyfarth die coolste Frau.

Cool? Darüber werden sie sich wieder schlapp lachen: Alexandra und Antonia, der berühmten Mutter Töchter. Immer wieder gerne sehen sich die jungen Frauen auf Youtube das endlustige Interview an, das der ARD-Sportmoderator Eberhard Stanjek 1972 mit der Mama, der damals frisch gekürten 16 Jahre alten Goldmedaillengewinnerin führte. Zum Brüllen komisch, nicht nur für den eigenen Nachwuchs: Die blutjunge Meyfarth, in einem grellgrünen Trainingsanzug mit Bundesadler auf der aufgenähten Brusttasche, wirkt so unbeholfen, als wäre sie ihre eigene, genial in Szene gesetzte Parodie. Die Mimik - unbeschreiblich. Ihr Gesicht lässt sich lesen wie ein Buch: Was redet der Blödmann da? Bloß nicht zu viel lächeln. Gibt es irgendeinen Fluchtweg? Stanjek stellt dämliche Fragen und bekommt die verdienten Antworten. Zum Schluss wird dem Goldmädchen im kleinen Studio ein riesiger Rosenstrauß überreicht, ein Gratulationsgruß von Willy Brandt. Meyfarth sieht aus, als wolle sie jeden Moment einen Knicks machen, dann nickt sie artig in die falsche Kamera und sagt: "Vielen Dank, Herr Bundeskanzler!"

Ulrike Nasse-Meyfarth, heute 55 Jahre alt, gehört zu den populärsten und beliebtesten Sportlerinnen, die Deutschland je gehabt hat. Ihren Mädchennamen kennt hierzulande jeder, der 1972 mindestens acht Jahre alt war. Fast 40 Jahre nach ihrem überraschenden Triumph erinnert sich Meyfarth zunächst mal daran, dass sie während des Wettkampfs verblüfft feststellt, dass ihr Name auf der Anzeigentafel "immer höher rutscht". Ein Glück bereits, dass sie überhaupt im Stadion ist. Die Spiele finden im eigenen Land statt. Teure Tickets fallen nicht an, und die junge Rheinländerin darf ins Team, damit sie Erfahrung sammeln kann.

Ein Platz unter ferner liefen, mit mehr ist kaum zu rechnen. Eine der Favoritinnen heißt Ilona Gusenbauer, sie kommt aus Österreich und hält mit 1,92 Metern den Weltrekord. Gusenbauer ist eine erfahrene Straddle-Springerin, das heißt, sie überquert die Latte mit Bauch und Brust. Deutschlands Hochsprung-Küken aber flopt im neuen Stil des Amerikaners Dick Fosbury, springt also rückwärts über die Latte.

Meyfarth flopt an diesem 4. September mit 1,90 Metern höher als jemals zuvor, höher auch als alle Konkurrentinnen. Zum Schluss ist sie ganz allein im Wettbewerb und darf noch mal springen. Sie lässt eins zweiundneunzig auflegen. Nur einen Zentimeter höher, und sie hätte einen neuen Weltrekord aufgestellt, "aber so abgebrüht", sagt Meyfarth, "war ich damals einfach nicht". Die Schülerin Ulrike schafft auch die eins zweiundneunzig. Das Stadion tobt. Reporter, Mikrofone, Blitzlichtgewitter - Sensation: Das Kind ist Olympiasiegerin.

Ulrike Meyfarth grinst: "Ich habe diesen Wettkampf wie einen Film erlebt." In guten Filmen - also in solchen, die den Zuschauern alle Emotionen abverlangen, sie lachen, weinen, bangen und hoffen lassen - geht es nach einen frühen Happy End immer erst mal richtig bergab. Der eben noch bewunderte Held mutiert zum bedauernswerten Tropf, der saure Zeiten und einige Prüfungen bestehen muss, bevor er sich selber aus dem Sumpf zieht und Ruhm und Ehre erntet, die - weil hart erarbeitet - nun von Dauer sind. In München mag eine Teenagerin bereits ahnen, dass sie die Hauptrolle in einem Film hat. Was sie nicht weiß: Sie wird noch zwölf Jahre mitspielen müssen, bevor er zu Ende ist.

Eine frühe Zäsur: Der Terroranschlag der Palästinenser auf die Mannschaft aus Israel. Die letzte Siegerin vor dem Attentat heißt Ulrike Meyfarth. Kaum hält sie ihre Medaille in der Hand - schon achtet niemand mehr auf sie. Was für eine Erleichterung!

Nach der Zwangspause gerät die junge Olympiasiegerin jedoch rasch wieder in den Fokus des öffentlichen Interesses. Das Telefon steht nicht mehr still, Journalisten fragen ihr Löcher in den Bauch, dauernd will jemand was. Am Gymnasium bitten die jüngeren Schüler um Autogramme. Die so Begehrte meidet den Pausenhof. Jahrzehnte vor der Erfindung der Castingshows wollten Jugendliche früher alles, nur nicht das: etwas Besonderes sein. Ulrike ist da keine Ausnahme.

In München hatte sie unbeschwert und mühelos gewonnen, plötzlich scheint alles wie verhext: In der Schule lässt sie deutlich nach, eine Verletzung löst die andere ab, im Training und bei Wettkämpfen sind ihre Leistungen enttäuschend. Eins zweiundneunzig sind so entfernt wie der Mond. Niemand sagt es so, aber alle denken: Ulrike Meyfarth ist eine Eintagsfliege, ein blindes Huhn, das mit viel Glück ein Mal das goldene Korn gefunden hat. Das Können aber, das fehlt ja wohl.

Nur zu gerne würde die unerfahrene Athletin den hohen Erwartungen genügen, nur zu gerne ihre Leistung in München durch weitere Siege bestätigen, nur wie sie mit dem Druck umgehen soll, das sagt ihr niemand. Vermutlich weiß es keiner.

1976 bei den Olympischen Spielen in Montreal scheidet Ulrike Meyfarth bereits im Vorkampf aus. Die Deutsche Sporthilfe streicht ihr die Förderung, zum Sportstudium an der Uni Köln wird sie zunächst nicht zugelassen. Numerus clausus! Die Goldmedaille zählt nicht. Hätte sie sich eben beim Abi mehr anstrengen müssen, das Fräulein Meyfarth. Als alle sie schon abgeschrieben haben, ist sie gerade mal 21 Jahre alt.

Sobald ein Tiefpunkt erreicht ist, kann es nur aufwärts gehen. Die Wende beginnt mit einem Wechsel des Vereins. In Leverkusen lautet die Botschaft: Wir werden dich unterstützen, weil wir an dich glauben. Gleichzeitig beginnt Ulrike Meyfarth im Nachrückverfahren nun doch ihr Studium. Der neue Trainer drückt den Reset-Knopf. Die Athletin muss noch mal ganz von vorne anfangen. Neue Trainingsmethoden, neue Bewegungsabläufe, neuer Mut. Und: üben, üben, üben. 1978 wird sie EM-Fünfte, 1981 Europa- und Weltcupsiegerin, 1983 Vizeweltmeisterin. Die Meyfarth, sie ist wieder da.

Noch aber ist sie nicht erlöst. Nur ein erneuter Olympiasieg würde das ändern. Ulrike Meyfarth ist 28 Jahre alt und will ihre sportliche Laufbahn nach den Spielen in Los Angeles beenden. Scheitert sie, hat sie eine ordentliche Karriere hingelegt, mit Höhen und Tiefen wie viele andere auch. Holt sie jedoch nach zwölf Jahren abermals Gold, gehört sie zu den ganz Großen. Es wäre zudem der endgültige Beweis, dass ihr in München nichts geschenkt worden ist.

In den Wochen vor Los Angeles hat die Athletin, die der ganzen Welt, vor allem aber sich selbst etwas beweisen will, höllische Schmerzen im Fuß. Ein befreundeter Sportjournalist fragt: "Sag mal, hinkst du?" Die Konkurrentin diesmal heißt Sara Simeoni. Es sieht toll aus, wenn sie springt. Richtig elegant. Als die Italienerin beim ersten Versuch zwei Meter locker überspringt, wirft sie Kusshände ins Publikum. Ulrike Meyfarth schafft zwei Zentimeter mehr. Gold!

Was für eine Geschichte, was für ein Ende. Man müsste einen Film draus machen. Ulrike Meyfarth ist fertig mit Erzählen und muss weg. Wie es ihr heute wohl geht? Sie dreht sich noch mal um, lacht. Verdammt glücklich sieht sie aus.

21 von uns - Portraits

21 VON UNS

Broschüre (51 Seiten PDF, 5 MB)

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